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Mein Pferd hat Stress beim Verladen – liegt es wirklich am Pferd?

Warum Verladen und Hängerfahren manchmal mehr mit unserer eigenen Haltung zu tun haben, als wir denken

„Mein Pferd hat so viel Stress beim Verladen. Das möchte ich ihm nicht antun.“ Diesen Satz höre ich immer wieder von Pferdemenschen, die alleine zu meinen Kursen kommen – ohne ihr Pferd. Natürlich klingt das zunächst fürsorglich. Wir möchten unserem Pferd Stress ersparen und vermeiden, dass es eine unangenehme Erfahrung machen muss. Aber manchmal lohnt sich ein zweiter Blick. Denn die Frage ist nicht nur: „Hat mein Pferd Stress beim Verladen?“ Sondern auch: „Wer von uns beiden hat eigentlich gerade Angst vor dem, was passieren könnte?“

Meine Pferde waren immer gerne unterwegs

Bei meinen eigenen Pferden war das eigentlich immer anders. Sie sind gerne weggefahren. Zu Kursen, zu Turnieren und in den Wanderreit-Urlaub. Meine Stute war bei solchen Ausflügen sogar regelrecht begeistert. Nicht unbedingt wegen des Turnierplatzes – sondern weil sie mich an diesen Tagen ganz für sich hatte. Wir haben uns gemeinsam alles angeschaut. Ich habe sie allerdings nie stundenlang alleine im Hänger stehen lassen. Wir waren praktisch immer zusammen. Wahrscheinlich hätte sie mir den Hänger zerlegt, wenn ich sie dort einfach stundenlang alleine gelassen hätte. Ich bewundere deshalb ehrlich die Pferde, die ganz entspannt im Hänger stehen und geduldig warten können. Meine wollten lieber dabei sein. Und genau das finde ich eigentlich schön. Denn Wegfahren muss für ein Pferd nicht automatisch bedeuten: Stress. Hänger. Unangenehme Fahrt. Fremder Ort.

Es kann auch bedeuten: Wir fahren gemeinsam irgendwohin. Wir erleben etwas. Mein Mensch ist bei mir. Und genau diese Erfahrung möchte ich meinen Pferden vermitteln.

„Mein Pferd will nicht“ – oder will ich nicht?

Ich erlebe häufig, dass Menschen schon mit einer bestimmten Erwartung an das Verladen herangehen. Sie denken:

  • „Das wird wieder schwierig.“
  • „Mein Pferd hasst den Hänger.“
  • „Das wird bestimmt stressig.“
  • „Hoffentlich geht es diesmal gut.“

Und genau da beginnt manchmal das Problem. Denn Pferde reagieren unglaublich fein auf unsere Stimmung. Wenn ich selbst angespannt bin, wenn ich innerlich schon mit Widerstand rechne oder unbedingt möchte, dass etwas funktioniert, verändert sich meine Körpersprache. Meine Bewegungen werden hektischer. Meine Atmung verändert sich. Ich werde vielleicht ungeduldiger. Meine Hilfen werden stärker. Und mein Pferd bekommt all diese Informationen mit. Es weiß natürlich nicht: „Mein Mensch hat gerade Angst, dass ich nicht in den Hänger gehe.“ Aber es spürt: Irgendetwas ist anders.

Und plötzlich wird aus einer Situation, die eigentlich neutral beginnen könnte, eine Situation, in der auch das Pferd vorsichtiger wird. Deshalb frage ich mich bei solchen Situationen gerne: Ist es wirklich mein Pferd, das gerade Stress hat? Oder habe ich selbst schon Stress mit der Situation?

Das bedeutet natürlich nicht, dass jeder Verladestress vom Menschen verursacht wird. Aber es bedeutet, dass wir auch uns selbst ehrlich anschauen dürfen.

Manchmal ist es tatsächlich das Pferd

Mir ist dabei wichtig, etwas ganz deutlich zu sagen: Nicht jedes Pferd, das nicht gerne in einen Hänger geht, reagiert einfach auf die Anspannung seines Menschen. Natürlich gibt es Pferde, die schlechte Erfahrungen gemacht haben. Pferde, die während der Fahrt Angst bekommen. Pferde, die lange alleine im Hänger stehen mussten. Oder Pferde, die gelernt haben:  Hänger bedeutet etwas Unangenehmes. Das müssen wir ernst nehmen. Deshalb möchte ich auch nicht vorschnell sagen: „Mein Pferd mag den Hänger einfach nicht.“

Viel wichtiger ist die Frage: Warum? Denn die Ursache kann ganz unterschiedlich sein. Und manchmal liegt sie tatsächlich bei uns.

Mein eigenes Erlebnis mit einem Fohlen hat mir das gezeigt

Ich habe diese Erfahrung selbst einmal sehr deutlich gemacht. Mein Fohlen hatte sich schwer verletzt. Der Tierarzt war da, hat es erstversorgt – und wir mussten noch spät in der Nacht in die Tierklinik.

Dabei ist mir eines besonders wichtig:

Mit einem verletzten Pferd fährt man nicht einfach auf eigene Faust in die Klinik.

Ein schwer verletztes Pferd muss zunächst tierärztlich beurteilt und entsprechend versorgt werden. Auch der Transport kann bei bestimmten Verletzungen ein erhebliches Risiko darstellen. In meinem Fall war das Fohlen versorgt und der Transport mit dem Tierarzt abgestimmt.

Aber dann war der Tierarzt weg. Es war dunkel. Es war spät. Ich war unter enormem Zeitdruck. Und ich hatte dieses Fohlen gerade einmal drei Wochen. Das Verladen vom Herkunftsort war damals schon spannend gewesen. Und jetzt stand ich nachts im Dunkeln vor dem Hänger und dachte: „Das muss jetzt funktionieren. Sie muss da rein.“

Ihr Freund war bereits im Hänger. Alleine hätte ich das Fohlen natürlich nie in der Klinik gelassen, also kam er mit.

Und meine kleine Stute? Die wollte einfach nicht einsteigen. Und ich? Meine Nerven lagen blank. Ich wollte, dass sie sofort in diesen Hänger geht. Ich wusste, dass wir losmussten. Ich wusste, dass es wichtig war. Ich war gestresst.

Und plötzlich musste ich lachen. Denn ich dachte: Was erzähle ich solchen Menschen eigentlich immer in meinen Kursen?

Ruhe bewahren. Nerven bewahren. Nicht hektisch werden. Die eigene Ruhe auf das Pferd übertragen. Und jetzt stand ich selbst da und war genau das, was ich meinen Teilnehmer:Innen immer wieder erkläre.

Also habe ich einmal tief durchgeatmet. Ich habe mich selbst beruhigt. Nicht das Pferd. Mich. Und plötzlich wurde aus: „Du musst jetzt in diesen Hänger!“ wieder: „Komm. Wir gehen gemeinsam. Du hast alle Zeit der Welt.“

Ich wurde langsamer. Ruhiger. Ich habe sie nicht gedrängt, keinen Druck erzeugt. Ich habe ihr einfach die Möglichkeit gegeben, sich den Hänger noch einmal anzuschauen. Und tatsächlich: Sie überlegte kurz. Sie spürte meine Veränderung. Und dann ging sie: Schritt für Schritt, langsam, aber ganz ruhig in den Hänger.

Und ich stand da und dachte: Genau das ist es.

Ich hatte in diesem Moment keine neue Verladetechnik gelernt. Mein Fohlen hatte nicht innerhalb von zehn Sekunden seine Meinung über Hänger geändert. Ich hatte meine Haltung verändert. Und damit hatte sich die gesamte Situation verändert.

Beim Verladen geht es nicht nur um den Hänger

Wir denken beim Verladen häufig sehr technisch:

  • Wie bekomme ich mein Pferd in den Hänger?
  • Welche Methode funktioniert?
  • Welche Hilfsmittel brauche ich?
  • Wie kann ich das trainieren?

Natürlich können all diese Dinge wichtig sein. Aber manchmal übersehen wir etwas viel Grundsätzlicheres:

Was erlebt mein Pferd eigentlich mit mir in diesem Moment?

Denn dein Pferd erlebt nicht nur den Hänger. Es erlebt dich. Deine Körpersprache. Deine Atmung. Deine Spannung. Deine Erwartung. Deine Ungeduld. Oder eben deine Ruhe. Und genau deshalb kann derselbe Hänger an einem Tag völlig anders wirken als an einem anderen. Im Training kann das Pferd in den Hänger gehen und am Tag vom Turnier plötzlich nicht mehr.

Auch die Fahrt selbst gehört dazu

Ein weiterer Punkt wird beim Thema Verladen häufig vergessen: Der Stress beginnt nicht unbedingt beim Einsteigen – und er endet auch nicht dort.

Ich hatte einmal einen Kunden, dessen Pferd anfangs vollkommen ruhig im Hänger stand. Je öfter er mit ihm fuhr, desto unruhiger wurde das Pferd. Irgendwann wurde deutlich: Der Fahrstil war für das Pferd unangenehm. Zu hektisch. Zu ruckartig. Unvorsichtig in Kurven und beim Bremsen. Das Pferd hatte also nicht plötzlich beschlossen: „Ich hasse Hänger.“ Es hatte gelernt: „Hänger fahren fühlt sich unangenehm an.“ Deshalb sollten wir bei Problemen mit dem Hänger nicht nur auf das Einsteigen schauen.

Wir dürfen die gesamte Erfahrung betrachten:

  • Wie wird verladen?
  • Wie wird gefahren?
  • Wie stark wird gebremst?
  • Wie werden Kurven genommen?
  • Wie lange steht das Pferd alleine?
  • Was passiert am Ziel?
  • Wie sieht der gesamte Tag für das Pferd aus?

Denn all diese Erfahrungen gehören für das Pferd zusammen.

Mein Ziel ist nicht: „Mein Pferd geht in den Hänger“

Ich wollte bei meinen Pferden nie einfach erreichen: „Das Pferd geht in den Hänger.“ Das wäre mir zu wenig. Ich möchte, dass mein Pferd versteht: Wir fahren irgendwohin. Mein Mensch ist dabei. Ich kann mich auf ihn verlassen. Und gemeinsam erleben wir einen tollen Tag.

Deshalb waren meine Pferde auch im Wanderreit-Urlaub unterwegs. Natürlich habe ich sie nicht am ersten Tag völlig überfordert. Ich würde niemals mit einem Pferd einfach eine riesige Strecke reiten, nur weil ich selbst unbedingt ein bestimmtes Ziel erreichen möchte. Ich erinnere mich an Gäste eines Nachbarquartiers bei einem Wanderreit-Urlaub. Sie planten am ersten Tag direkt 40 Kilometer.  Am Nachmittag riefen sie in der Unterkunft an, dass sie jemand abholt, weil die Pferde körperlich einfach nicht mehr konnten. So etwas ist für mich kein Abenteuer mehr. Das ist schlicht zu viel.

Ein schöner Ausflug entsteht nicht dadurch, dass wir möglichst viel schaffen. Sondern dadurch, dass Pferd und Mensch gemeinsam einen guten Tag erleben.

Verladen beginnt lange vor dem Hänger

Vielleicht ist genau das der Punkt, der mir beim Thema Hänger besonders wichtig ist: Gutes Verladen beginnt nicht unbedingt am Hänger. Es beginnt viel früher. In all den kleinen Alltagssituationen, in denen dein Pferd lernt: Mein Mensch bleibt ruhig. Mein Mensch hört mir zu. Ich darf mir neue Dinge anschauen. Ich werde nicht unnötig überfordert. Wenn etwas schwierig wird, bekomme ich Unterstützung.

Genau daraus entsteht Vertrauen. Und dieses Vertrauen nehmen wir irgendwann mit zum Hänger. Dann müssen wir nicht für jede einzelne Situation eine eigene Lösung trainieren. Wir haben etwas viel Wertvolleres aufgebaut: Eine gemeinsame Basis.

Vertrauen bedeutet nicht, dass alles immer leicht sein muss

Das passt auch zu einem Gedanken aus meiner Podcastfolge über Vertrauen und Selbstständigkeit. Vertrauen bedeutet nicht, dass mein Pferd niemals etwas Schwieriges erleben darf. Und es bedeutet auch nicht, dass ich ihm jede Herausforderung abnehme. Im Gegenteil. Mein Ziel ist, dass mein Pferd immer mehr Vertrauen in sich selbst entwickelt. Dass es Neues ausprobieren kann. Dass es Herausforderungen bewältigen kann. Und dass es gleichzeitig weiß: Wenn es schwierig wird, bin ich nicht allein.

Genau deshalb konnte mein Fohlen damals nachts in den Hänger gehen. Nicht, weil sie plötzlich keine Angst mehr hatte. Sondern weil ich ihr in diesem Moment wieder das Gefühl geben konnte: „Ich weiß, dass es gerade schwierig ist. Aber wir machen das gemeinsam.“

Vielleicht ist das heute mein wichtigster Gedanke für dich. Wenn du das nächste Mal vor dem Hänger stehst und denkst: „Oh Gott, hoffentlich geht mein Pferd heute rein.“ Dann halte einmal kurz inne. Atme durch. Und frage dich:

  • Was sende ich meinem Pferd gerade eigentlich für ein Signal?
  • Bin ich ruhig?
  • Bin ich wirklich davon überzeugt, dass wir das schaffen?
  • Oder bin ich innerlich schon mitten im Kampf?

Denn manchmal müssen wir gar nicht zuerst das Pferd verändern.  Manchmal müssen wir zuerst unsere eigene Haltung verändern. Und dann kann unser Pferd überhaupt erst zeigen, was es wirklich kann.

Was du beim nächsten Verladen beobachten kannst

Wenn dein Pferd beim Verladen oder Hängerfahren Stress zeigt, würde ich deshalb nicht sofort nach der nächsten Methode suchen. Ich würde zuerst genauer hinschauen.

Vielleicht helfen dir diese Fragen:

  • Ist mein Pferd tatsächlich angespannt – oder bin ich es selbst?
  • Welche Erfahrungen hat mein Pferd bisher mit dem Hänger gemacht?
  • Wie läuft die Fahrt tatsächlich ab?
  • Überfordere ich mein Pferd am Ziel vielleicht körperlich oder mental?
  • Gebe ich meinem Pferd die Möglichkeit, unterwegs auch gute Erfahrungen zu sammeln?
  • Bleibe ich selbst der ruhige Orientierungspunkt, den mein Pferd in einer neuen Situation braucht?

Denn du weißt nie, welche Erfahrung dein Pferd gerade für die Zukunft sammelt.

Vielleicht ist der Hänger gar nicht das eigentliche Problem

Natürlich gibt es Pferde, die gezielt Unterstützung beim Verladen brauchen. Und natürlich kann es sinnvoll sein, das Einsteigen und Hängerfahren Schritt für Schritt zu trainieren. Aber vielleicht müssen wir nicht immer sofort fragen: „Wie bekomme ich mein Pferd in den Hänger?“

Vielleicht dürfen wir manchmal eine andere Frage stellen: „Wie kann ich meinem Pferd vermitteln, dass wir gemeinsam unterwegs sind?“

Denn ein Pferd kann nur lernen, dass Wegfahren schön sein kann, wenn es diese Erfahrung auch machen darf. Und dafür braucht es nicht immer mehr Training. Manchmal braucht es einfach einen Menschen, der ruhig bleibt. Der hinschaut. Der zuhört. Und der selbst überzeugt ist: „Heute wird ein schöner Tag. Ein schönes gemeinsames Erlebnis.“ Und vielleicht steigt dein Pferd irgendwann nicht mehr in den Hänger, weil es muss. Sondern weil es gelernt hat: „Wenn wir gemeinsam unterwegs sind, passiert etwas Schönes.“

Und genau das ist für mich Vertrauen. Und genau dort beginnt für mich … feine Verbindung.


Dieser Blog basiert auf meiner Podcastfolge:

Feine Verbindung –  Mein Pferd hat Stress beim Verladen – liegt es wirklich am Pferd?

Den Podcast kannst du auf meiner Webseite hier anhören, oder auf:

Youtube: Feine Verbindung – Mein Pferd hat Stress beim Verladen 

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Warum dein Pferd nicht alles trainieren muss