Mein Pferd ignoriert mich – oder spricht es längst mit mir?
Warum dein Pferd vielleicht gar nicht ungehorsam ist, sondern versucht, mit dir zu kommunizieren.
„Mein Pferd hört mir einfach nicht zu.“
Diesen Satz höre ich in meiner Arbeit mit Pferden und ihren Menschen unglaublich oft. Vielleicht hast du ihn selbst schon einmal gedacht. Vielleicht beim Führen. Beim Reiten. Beim Holen von der Koppel. Oder in einer Situation, in der du dich gefragt hast:
„Warum macht mein Pferd einfach nicht mit?“
„Warum reagiert es nicht?“
„Warum ignoriert es mich?“
Diese Gedanken sind völlig verständlich. Schließlich wünschen wir uns, dass unser Pferd unsere Hilfen versteht und bereitwillig mitarbeitet. Doch was wäre, wenn dein Pferd dich gar nicht ignoriert? Was wäre, wenn es dir die ganze Zeit etwas mitteilen möchte – nur in einer Sprache, die wir Menschen oft übersehen?
Genau darum geht es in diesem Artikel.
Kommunikation ist keine Einbahnstraße
Stell dir einmal vor, jemand spricht mit dir in einer Sprache, die du nur ein wenig verstehst. Du erkennst einzelne Wörter. Aber du verstehst den Zusammenhang nicht. Du versuchst zu erklären, dass du ihn nicht verstehst. Doch dein Gegenüber hört dir gar nicht zu. Wie lange würdest du versuchen, dich noch verständlich zu machen?
Wahrscheinlich irgendwann gar nicht mehr. Nicht, weil du unhöflich bist. Sondern weil echte Kommunikation gar nicht mehr möglich ist. Unseren Pferden geht es manchmal ganz ähnlich.
Dein Pferd antwortet dir ständig
Viele Menschen glauben: Ich gebe meinem Pferd ein Signal. Mein Pferd macht es. Ende der Kommunikation.
Doch Kommunikation funktioniert ganz anders. Sie ist immer ein Austausch. Dein Pferd antwortet dir in jedem einzelnen Moment. Nicht mit Worten. Sondern mit seinem Verhalten.
Bleibt dein Pferd stehen? Dann ist das bereits eine Antwort. Wird es langsamer? Antwort. Hebt es den Kopf? Antwort. Spannt es sich an? Antwort. Geht es sofort los? Auch das ist eine Antwort.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht: Antwortet mein Pferd?
Sondern: Verstehe ich seine Antwort?
Wenn das Pferd auf der Koppel nicht mitkommen möchte
Eine Situation, die viele Pferdebesitzer kennen:
Du gehst auf die Koppel. Dein Pferd sieht dich. Und bleibt einfach stehen. Schnell entstehen Gedanken wie: „Es will mich ärgern.“ „Es weiß doch genau, dass es kommen soll.“
Doch vielleicht erzählt dein Pferd gerade etwas ganz anderes. Vielleicht möchte es noch grasen. Vielleicht verbindet es das Geholtwerden mit einer stressigen Reitstunde. Vielleicht fällt ihm das Verlassen seiner Herdenfreunde schwer.
Nicht jedes Verhalten ist Ungehorsam. Oft ist es „nur“ Kommunikation.
Warum das Auftrensen manchmal gar nicht das eigentliche Problem ist
Auch beim Auftrensen entstehen häufig Missverständnisse. Das Pferd hebt den Kopf. Es öffnet das Maul nicht. Es weicht zurück. Viele denken sofort: „Es stellt sich an.“
Doch vielleicht geht es gar nicht um die Trense. Vielleicht weiß dein Pferd längst, was danach kommt. Wenn jede Reiteinheit für das Pferd unangenehm ist, verbindet es bereits das Auftrensen mit dieser Erfahrung. Es reagiert also nicht auf die Trense. Sondern auf das, was sie ankündigt.
Eine Reitstunde, die alles verändert hat
Ich erinnere mich an eine Kursteilnehmerin, die irgendwann frustriert zu mir sagte: „Mein Pferd ignoriert mich einfach.“ Es ging um das Angaloppieren. Sie war überzeugt, dass ihr Pferd genau wusste, was sie wollte – und sich einfach weigerte. Also setzte ich sie auf eines meiner Pferde.
Und plötzlich passierte genau dasselbe. Auch mein Pferd galoppierte nicht an. In diesem Moment wurde ihr etwas Entscheidendes klar: Vielleicht lag das Problem gar nicht am Pferd. Vielleicht waren ihre Hilfen einfach nicht eindeutig.
Für mich war das ein schöner Moment. Nicht, weil das Pferd „recht hatte“. Sondern weil sichtbar wurde, wie schnell wir Verhalten persönlich nehmen, obwohl unser Pferd vielleicht einfach nur versucht, unsere Signale richtig zu verstehen.
Hören oder verstehen?
Vielleicht kennst du das auch aus deinem eigenen Leben. Du erzählst jemandem, dass es dir nicht gut geht. Als Antwort hörst du: „Das wird schon.“ „Mach einfach weiter.“ Du wurdest gehört. Aber nicht verstanden.
Genau so geht es manchmal auch unseren Pferden. Sie kommunizieren. Doch wir hören nicht wirklich hin.
Das KWVZ-Prinzip: Wahrnehmen kommt vor Verstehen
Im KWVZ-Prinzip steht das W für Wahrnehmung. Denn bevor wir Verhalten verändern können, müssen wir es zunächst bewusst wahrnehmen.
Erst wenn wir erkennen,
- wie sich unser Pferd bewegt,
- wann es zögert,
- wann es sich anspannt,
- wann es neugierig wird
- und wann es Sicherheit sucht,
können wir verstehen, warum es so reagiert.
Deshalb verändert sich die entscheidende Frage.
Nicht: „Warum hört mein Pferd mir nicht zu?“
Sondern: „Habe ich meinem Pferd bisher wirklich zugehört?“
Wenn Pferde irgendwann aufhören zu kommunizieren
Besonders traurig finde ich Situationen, in denen Pferde ihre feinen Signale irgendwann aufgeben. Zuerst werden sie deutlicher. Sie protestieren. Sie werden unruhig. Sie zeigen immer klarer, dass ihnen etwas schwerfällt. Doch wenn diese Signale über lange Zeit unbeachtet bleiben, passiert manchmal etwas anderes.
Sie funktionieren einfach. Viele Menschen sagen dann: „Jetzt ist mein Pferd endlich brav.“ Doch es ist keine echte Verbindung entstanden. Sondern Resignation.
Das Pferd hat gelernt: „Es hört mir sowieso niemand zu.“ Dabei wünschen wir uns doch eigentlich etwas ganz anderes: Ein Pferd, das mitdenkt. Das gerne mitarbeitet. Das sich sicher fühlt und bereit ist, mit uns zu kommunizieren.
Manchmal ziehen wir unbewusst die Handbremse
Auch beim Reiten erleben wir dieses Missverständnis häufig. Wir möchten, dass unser Pferd fleißig vorwärtsgeht. Gleichzeitig halten wir es mit der Hand an den Zügeln fest. Das Pferd erhält zwei widersprüchliche Informationen: „Geh vorwärts.“ Und gleichzeitig: „Bleib stehen.“ Anschließend heißt es oft: „Mein Pferd ist faul.“
Dabei ist das ungefähr so, als würdest du beim Auto die Handbremse anziehen, Vollgas geben und dich wundern, warum es nicht beschleunigt.
Wenn wir stattdessen genau hinsehen, warum unser Pferd nicht vorwärtsgeht, lösen sich viele Probleme fast von selbst.
Zuhören verändert die Beziehung
Wenn dein Pferd merkt, dass du bereit bist zuzuhören, verändert sich etwas. Es beginnt wieder, mit dir zu kommunizieren. Nicht mit Worten. Sondern mit Blicken. Mit Körpersprache. Mit kleinen Veränderungen. Mit all den leisen Signalen, die wir im Alltag so leicht übersehen. Vielleicht erinnerst du dich an meinen Artikel „Die Macht der kleinen Dinge“.
Genau dort beginnt feine Verbindung. Nicht in spektakulären Momenten. Sondern in den kleinen Antworten, die dein Pferd dir jeden Tag gibt.
Eine kleine Aufgabe für die nächsten Tage
Ich möchte dir heute eine Beobachtungsaufgabe mitgeben.
Frage dich in den nächsten Tagen nicht: „Wie bekomme ich mein Pferd dazu, das Richtige zu tun?“
Sondern: „Was versucht mein Pferd mir gerade zu sagen?“
Beim Putzen. Beim Führen. Beim Holen von der Koppel. Beim Reiten.
Vielleicht wirst du überrascht sein, wie viel dein Pferd schon die ganze Zeit mit dir kommuniziert.
Feine Verbindung beginnt mit Zuhören
Vielleicht ignoriert dein Pferd dich gar nicht. Vielleicht spricht es längst mit dir. Die Frage ist deshalb nicht: „Hört mein Pferd mir zu?“
Die wichtigere Frage lautet: „Bin ich bereit, meinem Pferd zuzuhören?“
Denn genau dort beginnt echte Verbindung. Nicht durch mehr Druck. Nicht durch mehr Kontrolle. Sondern durch Aufmerksamkeit, Verständnis und die Bereitschaft, die leisen Signale deines Pferdes wahrzunehmen. Schritt für Schritt. Genau dort entsteht eine feine Verbindung.
Dieser Blog basiert auf meiner Podcastfolge:
Feine Verbindung – Mein Pferd ignoriert mich – oder spricht es längst mit mir?
Den Podcast kannst du auf meiner Webseite hier anhören, oder auf:
Youtube: Feine Verbindung – Mein Pferd ignoriert mich – oder spricht es längst mit mir?
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