Schreckhaftes Pferd? Warum Vertrauen wichtiger ist, als Anti-Schreck Training.
Dein Pferd erschrickt ständig? Damit bist du nicht allein.
Viele Pferdemenschen kennen diese Situation. Du möchtest entspannt ausreiten. Doch plötzlich flattert ein Vogel auf. Ein Traktor kommt entgegen. Eine Wasserpfütze liegt auf dem Weg. Oder eine Mülltonne steht heute an einer anderen Stelle als gestern. Und schon spannt sich dein Pferd an. Und sofort taucht die Frage auf: „Wie bekomme ich mein Pferd gelassener?“ „Muss ich mehr Anti-Schreck Training machen?“
Genau diese Fragen höre ich in meiner täglichen Arbeit immer wieder. Und genau deshalb möchte ich heute einen Gedanken mit dir teilen, der zunächst vielleicht ungewohnt klingt:
Gelassenheit entsteht nicht dadurch, dass ein Pferd möglichst viele Dinge kennenlernt. Gelassenheit entsteht durch Vertrauen.
Warum ein schreckhaftes Pferd nicht plötzlich schreckhaft wird
Viele Menschen erleben nur den Moment, in dem das Pferd erschrickt. Für das Pferd beginnt alles jedoch viel früher. Schreckhaft wird ein Pferd nicht über Nacht. Viele glauben, ein Pferd sei einfach schreckhaft. Doch in Wirklichkeit entwickelt sich Unsicherheit meistens langsam. Vielleicht erinnert dich das an meinen Blogartikel „Die Macht der kleinen Dinge“. Denn genauso beginnt es. Nicht beim großen Erschrecken. Sondern in vielen kleinen Momenten. Das Pferd wird leicht unsicher. Der Mensch bemerkt es gar nicht. Oder sagt: „Da ist doch nichts.“ „Jetzt geh endlich weiter.“ Für das Pferd bedeutet das: „Ich bin mit meiner Unsicherheit allein.“ Mit jeder Situation lernt das Pferd ein kleines Stück mehr: „Wenn etwas passiert, muss ich mich selbst darum kümmern.“
Warum sich Angst & Unsicherheit zwischen Mensch und Pferd gegenseitig verstärken kann
Jetzt passiert etwas Interessantes. Es entsteht ein Kreislauf. Das Pferd wird vorsichtiger. Der Mensch merkt das. Er/Sie denkt: „Hoffentlich erschrickt mein Pferd jetzt nicht wieder.“ Die eigene Körperspannung verändert sich. Die Atmung wird flacher. Die Bewegungen werden fester. Und genau das nimmt das Pferd wahr. Es weiß zwar nicht, warum sein Mensch angespannt ist. Aber es spürt: „Irgendetwas stimmt nicht.“
Beide suchen Sicherheit. Und genau dadurch verstärken sie sich gegenseitig. Nicht weil jemand etwas falsch macht. Sondern weil beide versuchen, mit Unsicherheit umzugehen.
Pferde brauchen keinen perfekten Menschen.
Ich sage deshalb oft: „Ein schreckhaftes Pferd braucht nicht zuerst mehr Mut. Es braucht einen Menschen, der Sicherheit vermittelt.“ Das bedeutet übrigens nicht, dass du niemals Angst haben darfst. Auch ich kenne Situationen, in denen ich Respekt oder sogar Angst habe. Der Unterschied ist: Ich bleibe handlungsfähig. Ich weiß, was ich jetzt tun kann. Und genau das gibt meinem Pferd Sicherheit.
Warum ich kein Anti-Schreck-Training mache
Immer wieder werde ich gefragt: „Machst du Anti-Schreck-Training?“ Meine Antwort überrascht viele. Nein. Ich mache Vertrauenstraining. Denn wir können niemals alle Situationen trainieren. Nicht jeden Traktor. Nicht jeden bellenden Hund. Nicht jede flatternde Plane. Nicht jede Wasserpfütze. Das Leben bleibt unvorhersehbar.
Viele glauben: „Mein Pferd muss nur oft genug an einer Plane vorbeigehen.“ Natürlich kann Gewöhnung helfen. Aber sie hat ihre Grenzen. Vielleicht ist dein Pferd zehnmal ruhig an derselben Plane vorbeigegangen. Beim elften Mal flattert sie plötzlich im Wind. Und trotzdem erschrickt dein Pferd. Warum? Weil es nicht gelernt hat, mit Unsicherheit umzugehen. Es hat lediglich gelernt: Diese eine Plane ist ungefährlich.
Deshalb lautet die entscheidende Frage nicht: Hat mein Pferd genau diese Situation schon einmal erlebt?
Sondern:
Vertraut mein Pferd mir genug, um neue Situationen gemeinsam mit mir zu bewältigen?
Eine Begegnung, die ich nie vergessen werde
Vor längerer Zeit war ich mit zwei Kindern und meinen Pferden ausreiten. Uns kam eine Dame mit einem Cane Corso entgegen. Ich hielt an, stieg sofort ab und ließ auch die Kinder absteigen. Wir warteten ruhig stehend am Straßenrand. Doch plötzlich riss sich der Hund los und lief bellend direkt auf uns zu. Natürlich hatte ich in diesem Moment Angst. Aber Angst ist nicht automatisch etwas Schlechtes. Sie machte mich aufmerksam. Konzentriert. Handlungsfähig.
Ich stellte mich bewusst zwischen den Hund und meine Pferde. Dem Hund machte ich klar: Bis hierher und nicht weiter. Meinen Pferden vermittelte ich gleichzeitig: Bleibt ruhig. Ich unterstütze euch. Ich passe auf euch auf. Aber helft auch ihr mit und bleibt stehen.
Meine Pferde – meine Fluchttiere – liefen nicht weg. Nicht weil sie mussten. Sondern weil sie mir vertrauten. Für mich zeigt genau diese Situation den Unterschied zwischen Kontrolle und Vertrauen. Hätte ich hier versucht, die Pferde festzuhalten, zu „kontrollieren“, wäre die Situation vermutlich anders ausgegangen.
Vertrauen bedeutet nicht Abhängigkeit
Manchmal werde ich gefragt: „Dann soll mein Pferd also alles seinem Menschen überlassen?“ Nein. Ganz im Gegenteil. Mein Ziel ist nicht, dass ein Pferd denkt: „Mein Mensch regelt alles.“ Mein Ziel ist: „Mein Mensch unterstützt mich.“
Ein Pferd soll lernen, Herausforderungen selbst zu bewältigen. Es soll neugierig bleiben. Eigene Lösungen finden. Selbstvertrauen entwickeln. Aber immer mit dem Wissen: Wenn ich Unterstützung brauche, ist mein Mensch da.
Gerade junge Pferde zeigen das wunderbar. Mit jeder gemeinsam bewältigten Situation werden sie mutiger. Nicht weil sie keine Angst mehr haben. Sondern weil sie erfahren: „Ich schaffe das. Und ich muss schwierige Situationen nicht allein meistern.“
Was passiert im Gehirn deines Pferdes?
Jedes Mal, wenn dein Pferd gemeinsam mit dir eine schwierige Situation ruhig bewältigt, speichert sein Gehirn eine neue Erfahrung. „Ich war unsicher. Mein Mensch hat mich unterstützt. Wir haben es gemeinsam geschafft.“
Mit jeder Wiederholung wächst das Vertrauen. Und gleichzeitig wächst das Selbstvertrauen. Nicht weil dein Pferd keine Angst mehr hat. Sondern weil es erlebt: „Ich kann Herausforderungen bewältigen.“
Was tun, wenn dein Pferd vor einer Wasserpfütze stehen bleibt?
Vielleicht kennst du diese Situation. Du möchtest beim Ausreiten durch eine Pfütze reiten. Dein Pferd bleibt stehen. Viele reagieren sofort mit Druck. „Jetzt geh endlich.“ Doch für dein Pferd fühlt sich diese Pfütze gerade gefährlich an. Nicht weil sie objektiv gefährlich ist. Sondern weil sie sich für dein Pferd so anfühlt.
Wenn wir diese Unsicherheit ernst nehmen, ruhig bleiben und gemeinsam eine Lösung finden, lernt das Pferd etwas viel Wertvolleres als nur das Überqueren einer Pfütze. Es lernt:
- Mein Mensch sieht mich.
- Mein Mensch versteht mich.
- Mein Mensch unterstützt mich.
- Gemeinsam schaffen wir das.
Und genau daraus entsteht Vertrauen.
Fragen für schwierige Situationen
Wenn dein Pferd das nächste Mal erschrickt oder unsicher wird, stelle dir nicht zuerst die Frage: „Wie bekomme ich mein Pferd wieder unter Kontrolle?“
Frage dich lieber:
- Was macht meinem Pferd gerade Sorgen?
- Wie kann ich ihm Sicherheit geben?
- Wie kann ich selbst ruhig und handlungsfähig bleiben?
Oft verändert allein dieser Perspektivwechsel die gesamte Situation.
Gelassenheit wächst durch Vertrauen
Viele wünschen sich ein gelassenes Pferd. Doch Gelassenheit lässt sich nicht erzwingen. Sie wächst. Mit jeder kleinen Situation, in der dein Pferd erlebt: „Mein Mensch unterstützt mich.“ Mit jeder Herausforderung, die ihr gemeinsam meistert. Mit jedem Moment, in dem dein Pferd merkt: „Ich bin nicht allein. Mein Mensch unterstützt mich. Gemeinsam schaffen wir das.“
Genau dort entsteht Vertrauen. Und genau dort beginnt Feine Verbindung.
Dieser Blog basiert auf meiner Podcastfolge:
Feine Verbindung – Schreckhaftes Pferd? Warum Vertrauen wichtiger ist, als Anti-Schreck Training.
Den Podcast kannst du auf meiner Webseite hier anhören, oder auf:
Youtube: Feine Verbindung – Schreckhaftes Pferd? Warum Vertrauen wichtiger ist, als Anti-Schreck Training
Möchtest du dein Pferd noch besser verstehen?
Fällt es dir manchmal schwer, die Reaktionen deines Pferdes richtig einzuordnen? Oder wünschst du dir mehr Ruhe, Vertrauen und Sicherheit im gemeinsamen Alltag?
Dann lade ich dich herzlich zu meinem kostenlosen Audio-Kurs ein.
Darin erfährst du, warum innere Ruhe die Grundlage für mehr Sicherheit, klare Kommunikation und gegenseitiges Vertrauen ist.
👉 Hier geht es zum kostenlosen Audio-Kurs: Feine Verbindung – Audio Kurs
Du möchtest noch tiefer einsteigen?
Online oder in Workshops und Kursen lernst du,
✓ die Signale deines Pferdes besser zu verstehen
✓ klar und verständlich zu kommunizieren
✓ Sicherheit und Gelassenheit auszustrahlen
✓ Vertrauen Schritt für Schritt aufzubauen
✓ eine feine und respektvolle Verbindung zu deinem Pferd zu entwickeln
Wenn du dein Pferd mit mehr Verständnis, Klarheit und Vertrauen begleiten möchtest, findest du hier weitere Informationen zu meinen Angeboten:
👉 Selbständig vertiefen
👉 Workshops & Kurse
Seit über 30 Jahren begleite ich Pferde und Menschen auf ihrem gemeinsamen Weg. Dabei zeigt sich immer wieder:
Die größten Veränderungen entstehen oft nicht durch mehr Druck, sondern durch mehr Verständnis.

