Warum dein Pferd nicht alles trainieren muss – wie Vertrauen Gelassenheit entstehen lässt
Vielleicht kennst du das: Du hast ein neues Pferd oder ein junges Pferd. Und plötzlich steht etwas vor euch, das es noch nie gesehen hat. Eine neue Decke. Fliegenspray. Ein unbekannter Gegenstand. Eine fremde Umgebung. Der Tierarzt. Eine ungewohnte Situation. Und sofort kommt die Frage: „Wie kann ich mein Pferd darauf vorbereiten?“
Vielleicht denkst du:
- Wie trainiere ich das Verladen?
- Wie trainiere ich Fliegenspray?
- Wie gewöhne ich mein Pferd an den Tierarzt?
- Wie trainiere ich flatternde Gegenstände?
Ich glaube, wir denken dabei oft zu sehr in einzelnen Situationen. Denn eines können wir nicht: Unser Pferd auf alles vorbereiten, was ihm irgendwann in seinem Leben begegnen wird. Wir können nicht jeden Gegenstand trainieren. Nicht jeden Ort. Nicht jede Situation. Und deshalb ist für mich etwas anderes viel wichtiger: Die Basis.
Denn wenn ein Pferd gelernt hat, dass neue Dinge nicht automatisch gefährlich sind, dass sein Mensch ruhig bleibt und dass es sich neue Situationen in seinem eigenen Tempo anschauen darf, entsteht etwas, das weit über eine einzelne Übung hinausgeht Vertrauen. Und genau dieses Vertrauen kann später in Situationen tragen, die wir niemals gezielt trainiert haben.
Wir können unmöglich alles trainieren
Stell dir vor, dein Pferd soll möglichst gelassen durchs Leben gehen. Dann könntest du theoretisch versuchen, alles Mögliche mit ihm zu üben:
- Planen
- Regenschirme
- Fliegenspray
- Fahrräder
- Hunde
- Mülltonnen
- Wasserpfützen
- Tierarzt
- Anhänger
- Fremde Umgebung
Aber was machst du, wenn plötzlich etwas passiert, an das du überhaupt nicht gedacht hast? Vielleicht steht beim Tierarzt ein Gerät neben deinem Pferd, das es noch nie gesehen hat. Vielleicht muss eine ungewohnte Platte auf seinen Rücken gelegt werden. Vielleicht kommt ihr an einen Ort, an dem dein Pferd noch nie zuvor war. Du kannst unmöglich jede einzelne Möglichkeit vorher trainieren.
Deshalb ist für mich die entscheidende Frage nicht: „Kennt mein Pferd genau diese Situation?“
Sondern: „Was hat mein Pferd grundsätzlich über neue Situationen gelernt?“
Was dein Pferd aus kleinen Erfahrungen lernen kann
Jedes Mal, wenn dein Pferd etwas Neues erlebt und dabei eine gute Erfahrung macht, entsteht ein kleines Stück Vertrauen.
Es erlebt:
- „Mein Mensch bleibt ruhig.“
- „Ich darf mir das anschauen.“
- „Ich darf auch einmal ausweichen.“
- „Und trotzdem passiert nichts Schlimmes.“
Genau diese Erfahrungen bilden mit der Zeit eine gemeinsame Basis. Und irgendwann brauchst du dieses Vertrauen in einer Situation, auf die du dein Pferd niemals gezielt vorbereitet hast. Das ist für mich einer der Gründe, warum ich so viel Wert auf die kleinen Dinge im Alltag lege. (Dazu gibt es auch einen eigenen Blog „Die Macht der kleinen Dinge“.) Nicht jede Begegnung muss zum Training werden. Manchmal ist eine neue Erfahrung einfach nur eine neue Erfahrung. Und trotzdem lernt dein Pferd dabei etwas.
Das erste Fliegenspray muss kein Training sein
Das merke ich bei meinen eigenen jungen Pferden immer wieder. Als ich sie zum ersten Mal mit Fliegenspray eingesprüht habe, wussten sie natürlich nicht, was das ist.
🎥 So sieht das in der Praxis aus: Mein junges Pferd begegnet zum ersten Mal dem Fliegenspray – ohne großes Training, ohne Druck und ohne daraus eine „Übung“ zu machen. → Short ansehen
Keines meiner Pferde dachte: „Ach, Fliegenspray. Das kenne ich. Das haben wir schon einmal geübt.“ Natürlich sind sie teilweise einen kleinen Schritt ausgewichen. Und für mich ist das völlig normal. Ich muss daraus kein Problem machen. Ich werde nicht hektisch. Ich spanne selbst nicht plötzlich an. Und ich denke auch nicht: „Jetzt hat mein Pferd bestimmt Angst vor Fliegenspray.“ Ich bleibe ruhig, gehe gegebenenfalls mit und mache einfach weiter. Nach wenigen Sekunden war das Thema erledigt.
Und genau diese Erfahrung ist für mich viel wertvoller als der Gedanke: „Heute haben wir Fliegenspray erfolgreich trainiert.“ Denn mein Pferd hat etwas anderes gelernt: „Etwas Neues passiert an meinem Körper. Ich darf kurz reagieren. Mein Mensch bleibt ruhig. Und dann geht es weiter.“
Eine neue Schabracke – und plötzlich wird daraus eine wichtige Erfahrung
Ähnlich war es mit einer neuen Schabracke. Ich wollte eigentlich nur ausprobieren, welche Farbe einem meiner jungen Pferde gut stehen würde, bevor ich sie für später kaufe. Also nahm ich die Schabracke und hielt sie ihm hin. Ich konnte sie problemlos auflegen. Kein Drama. Keine große Reaktion. Eher Neugier: „Was machst du da?“ Und auch hier dachte ich nicht: „Jetzt trainiere ich mein Pferd auf etwas Unbekanntes.“ Ich wollte einfach wissen, welche Farbe ihm steht. Mehr nicht. Doch kurze Zeit später sollte genau diese kleine Alltagserfahrung eine ganz andere Bedeutung bekommen.
Dann kam der Tierarzt
Kurze Zeit später verletzte sich meine junge Stute. Wir mussten ihren Rücken röntgen. Plötzlich stand da eine große, flache und völlig ungewohnte Platte. Etwas, das sie natürlich noch nie zuvor gesehen hatte. Und trotzdem blieb sie ruhig stehen. Sie war ein wenig nervös, aber sie stand. Ohne Sedierung. Und sie ließ zu, dass die Röntgenplatte auf ihren Rücken gelegt wurde. Für mich war das ein wunderschönes Beispiel dafür, wie Lernen funktionieren kann. Denn sie hatte natürlich nicht gelernt: Schabracke = Röntgenplatte. Das wäre viel zu einfach gedacht. Sie hatte etwas viel Grundsätzlicheres gelernt: „Neue Dinge an meinem Körper sind nicht automatisch gefährlich. Mein Mensch bleibt ruhig. Ich darf kurz schauen. Ich darf mich vielleicht einmal bewegen. Und dann geht es weiter.
Diese Erfahrung war nicht an eine bestimmte Schabracke gebunden. Sie hatte etwas über die Welt gelernt: Neue Dinge sind nicht automatisch ein Grund zur Panik. Und genau deshalb war die Röntgenplatte kein großes Drama. Ich war unglaublich stolz auf sie.
Vertrauen lässt sich übertragen
Genau hier liegt für mich der große Unterschied zwischen dem Training einzelner Situationen und dem Aufbau einer guten Basis. Wenn wir nur eine bestimmte Situation trainieren, kann das Pferd lernen: „Diese eine Sache ist ungefährlich.“ Wenn wir dagegen immer wieder gute Erfahrungen mit Neuem ermöglichen, kann etwas viel Größeres entstehen: „Ich kann mit neuen Dingen umgehen.“ Das ist eine ganz andere Form von Gelassenheit.
Und genau deshalb geht es für mich beim Vertrauenstraining nicht darum, möglichst viele Situationen abzuhaken. Es geht darum, Erfahrungen zu schaffen, die das Pferd auf zukünftige Situationen übertragen kann. Vertrauen macht ein Pferd nicht abhängig. Damit sind wir wieder bei einem Gedanken aus meiner Podcastfolge: „Macht Vertrauen Pferde abhängig?“ Für mich ganz klar: Nein.
Ich möchte kein Pferd, das denkt: „Mein Mensch muss alles für mich regeln.“ Ich möchte ein Pferd, das immer mehr Vertrauen in sich selbst entwickelt. Ein Pferd, das Neues ausprobiert. Das eigene Lösungen findet. Das neugierig bleibt. Und das gleichzeitig weiß: „Wenn es schwierig wird, bin ich nicht allein.“
Genau das beobachte ich bei meinen jungen Pferden. Je älter sie werden, desto mutiger und neugieriger werden sie. Wenn etwas Neues auftaucht, schauen sie manchmal kurz zu mir. Bin ich ruhig? Ist alles in Ordnung? Und wenn sie merken, dass ich entspannt bin, trauen sie sich oft wieder einen Schritt weiter. Nicht, weil ich ihnen die Welt erkläre. Sondern weil sie gelernt haben: „Ich kann mich auf meinen Menschen verlassen. Also kann ich auch selbst ausprobieren.“
Auch ein Ausweichschritt ist kein Misserfolg
Etwas ist mir dabei besonders wichtig: Es geht nicht darum, dass dein Pferd niemals erschrickt. Es geht auch nicht darum, dass es niemals ausweicht. Wenn dein Pferd beim ersten Fliegenspray einen kleinen Schritt zur Seite macht, ist das für mich kein Misserfolg. Ich muss nicht sofort denken: „Das muss ich jetzt korrigieren.“ Ich kann einfach ruhig bleiben. Mitgehen. Warten. Und weitermachen. Denn mein Pferd kann dadurch eine wichtige Erfahrung machen: „Ich darf unsicher sein. Und trotzdem bleibt mein Mensch ruhig.“ Das ist unglaublich wertvoll. Denn auch wir Menschen fühlen uns nicht sicherer, wenn jemand neben uns hektisch wird, sobald wir uns unsicher fühlen. Warum sollte es beim Pferd anders sein?
Gelassenheit bedeutet nicht, dass ein Pferd vor nichts mehr erschrickt
Für mich ist ein gelassenes Pferd deshalb nicht ein Pferd, das niemals erschrickt. Das wäre auch gar nicht realistisch. Pferde bleiben Pferde. Sie nehmen ihre Umwelt wahr. Sie reagieren auf Veränderungen. Sie können sich erschrecken. Gelassenheit bedeutet für mich etwas anderes: Ein Pferd kann mit Neuem umgehen. Es kann kurz innehalten. Schauen. Nachdenken. Sich orientieren. Und anschließend wieder handlungsfähig werden. Vielleicht sagt es: „Das kenne ich nicht. Aber ich schaue es mir einmal an.“
Und genau diese Fähigkeit ist im Alltag viel wertvoller, als wenn dein Pferd lediglich gelernt hat, zehn verschiedene Anti-Schreck-Übungen brav zu absolvieren. Das Schöne daran ist: Dafür brauchen wir nicht einmal einen besonderen Trainingsplan. Diese Erfahrungen passieren mitten im Alltag. Beim Putzen. Beim Misten. Beim Anfassen. Beim Auflegen einer Decke. Beim ersten Fliegenspray. Beim Hufe geben. Beim Vorbeigehen an etwas Neuem. Und manchmal passiert Lernen sogar ganz nebenbei. Ohne dass wir überhaupt merken, dass gerade etwas Wichtiges entsteht. Aus kleinen Erfahrungen kann große Gelassenheit entstehen.
Was du deinem Pferd heute mitgeben kannst
Wenn dein Pferd das nächste Mal mit etwas Neuem konfrontiert wird, versuche einmal, die Situation anders zu betrachten.
Nicht: „Wie bringe ich mein Pferd dazu, das jetzt auszuhalten?“
Sondern: „Welche Erfahrung kann mein Pferd gerade machen?“
Du kannst dich dabei fragen:
- Bleibe ich ruhig, wenn mein Pferd kurz zögert?
- Darf es sich etwas anschauen, bevor es weitergeht?
- Mache ich aus einer kleinen Unsicherheit gerade selbst ein großes Problem?
- Gebe ich meinem Pferd die Möglichkeit, selbst eine Lösung zu finden?
- Welche Erfahrung kann mein Pferd aus dieser Situation mitnehmen?
Denn du weißt nie, wofür dein Pferd eine Erfahrung später einmal brauchen wird. Vielleicht der Tierarzt. Vielleicht das Verladen. Vielleicht eine fremde Umgebung. Vielleicht etwas, an das du heute noch überhaupt nicht denkst.
Du musst nicht alles trainieren
Vielleicht ist das der wichtigste Gedanke, den ich dir aus dieser Folge mitgeben möchte:
Du wirst niemals alles trainieren können, was deinem Pferd im Leben begegnet.
Und das musst du auch nicht. Du kannst heute etwas viel Wertvolleres aufbauen: Eine gemeinsame Basis. Eine Erfahrung von Sicherheit. Vertrauen. Und die Gewissheit: „Wenn etwas Neues passiert, bin ich nicht allein. Mein Mensch bleibt ruhig. Ich darf schauen. Ich darf lernen. Und ich darf selbst herausfinden, wie ich damit umgehen kann.“ Ein Fliegenspray hier. Eine neue Decke dort. Eine ungewohnte Berührung. Ein kleiner Ausweichschritt, den du nicht zum Problem machst. Ein ruhiger Moment. Viele kleine Erfahrungen. Und irgendwann merkst du vielleicht: Dein Pferd ist nicht deshalb gelassen, weil ihr alles trainiert habt. Es ist gelassen, weil es gelernt hat, dass die Welt meistens ein sicherer Ort ist.
Und vielleicht ist genau das eine der schönsten Aufgaben, die wir unseren Pferden geben können: Nicht ihnen jede neue Situation abzunehmen. Sondern ihnen so viel Vertrauen mitzugeben, dass sie sich selbst immer mehr zutrauen. Denn dann werden aus kleinen Erfahrungen irgendwann große Gelassenheit.
Und genau dort beginnt für mich … Feine Verbindung.
Dieser Blog basiert auf meiner Podcastfolge:
Feine Verbindung – Warum dein Pferd nicht alles trainieren muss
Den Podcast kannst du auf meiner Webseite hier anhören, oder auf:
Youtube: Feine Verbindung – Warum dein Pferd nicht alles trainieren muss
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Seit über 30 Jahren begleite ich Pferde und Menschen auf ihrem gemeinsamen Weg. Dabei zeigt sich immer wieder:
Die größten Veränderungen entstehen oft nicht durch mehr Druck, sondern durch mehr Verständnis.

