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Respekt ist keine Einbahnstraße

Warum dein Pferd sich erst respektiert fühlen muss, bevor es dir vertraut

Wenn über Respekt im Umgang mit Pferden gesprochen wird, taucht fast immer dieselbe Frage auf: „Wie bekomme ich mehr Respekt von meinem Pferd?“ Doch vielleicht lohnt es sich, diese Frage einmal umzudrehen.

Fühlt sich dein Pferd eigentlich von dir respektiert?

Genau dort beginnt für mich echte Zusammenarbeit. Denn Respekt bedeutet nicht, dass nur eine Seite auf die andere hört. Respekt entsteht, wenn beide Seiten wahrgenommen werden. Wenn Bedürfnisse ernst genommen werden. Und wenn Vertrauen wichtiger wird als bloßer Gehorsam.

Respekt bedeutet nicht, immer Recht zu haben

Vor einiger Zeit wollte ich meinem jungen Hengst lediglich eine Zecke von der Nase entfernen. Eine ganz gewöhnliche Alltagssituation. Er stand ruhig neben mir  – ganz ohne Halfter. Plötzlich kamen zwei Stuten an den Zaun des Freilaufstalls. Sofort richtete sich seine Aufmerksamkeit dorthin. Kurz darauf erschien auch sein bester Freund. Ich konnte regelrecht beobachten, wie schwer es ihm fiel, einfach stehen zu bleiben. Er ist der Chef seiner kleinen Gruppe. Natürlich wollte er nachsehen, was dort gerade passiert.

Ich hätte darauf bestehen können, dass er bleibt. Wahrscheinlich hätte er das sogar getan. Stattdessen machte ich einen Schritt zurück und ließ ihn kurz gehen. Er überprüfte die Situation, stellte fest, dass alles in Ordnung war, und wenige Sekunden später rief ich ihn wieder. Er kam sofort zurück. Ganz selbstverständlich. Erst danach entfernte ich in Ruhe die Zecke.

Manchmal verlieren wir mehr als wir gewinnen

Natürlich hätte ich diesen Moment auch anders lösen können. Aber ich frage mich oft: Was hätte ich dabei gewonnen? Vielleicht hätte mein Pferd gelernt, stehen zu bleiben. Vielleicht hätte ich aber gleichzeitig etwas verloren, das mir viel wichtiger ist: Sein Gefühl, dass ich seine Bedürfnisse wahrnehme. Denn genau das habe ich in diesem Moment getan. Ich habe nicht jede Bewegung erlaubt. Ich habe lediglich verstanden, warum sie ihm gerade wichtig war. Und genau deshalb war es für ihn später selbstverständlich, auch auf meine Bitte einzugehen.

Pferde merken sich, wie wir ihnen begegnen

Immer wieder beobachte ich, dass Pferde unglaublich aufmerksam registrieren, wie wir mit ihnen umgehen. Erlebt ein Pferd immer wieder:

  • Mein Mensch hört mir zu.
  • Mein Mensch nimmt mich ernst.
  • Mein Mensch versteht meine Bedürfnisse.

Dann wächst etwas sehr Wertvolles. Nicht Gehorsam. Sondern Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Nicht weil das Pferd muss. Sondern weil Vertrauen entstanden ist.

Ein Pferd wollte einfach seinen Platz einnehmen

Ein Teilnehmer eines Kommunikationskurses wollte mir einmal zeigen, wie gut sein Pferd auf ihn hört. Er ließ es absichtlich langsam ganz hinten in einer Gruppe anderer Pferde gehen. Das Pferd machte mit. Viele hätten wahrscheinlich gesagt: „Schau, wie gehorsam dieses Pferd ist.“ Ich sah etwas anderes. Dieses Pferd fühlte sich dort überhaupt nicht wohl.

Innerhalb seiner Herde hatte es sich eine hohe Rangposition erarbeitet. Für dieses Pferd war es völlig selbstverständlich, weiter vorne zu gehen. Nicht aus Dominanz. Sondern weil genau dort sein Platz war. Ich fragte den Besitzer: „Warum gehen wir nicht einfach etwas schneller, damit dein Pferd seinen gewohnten Platz einnehmen kann?“ Kaum durfte es nach vorne, entspannte es sich sofort. Manchmal kostet es uns fast nichts, auf ein Bedürfnis unseres Pferdes einzugehen. Für das Pferd macht es dagegen einen riesigen Unterschied.

Respekt bedeutet nicht, immer nachzugeben

Das heißt natürlich nicht, dass ein Pferd immer bekommt, was es möchte. Es gibt Situationen, in denen das schlicht nicht möglich ist. Respekt bedeutet nicht, jede Grenze aufzugeben. Respekt bedeutet vielmehr, Bedürfnisse wahrzunehmen und – wenn es möglich ist – darauf einzugehen. Und genau das verändert etwas. Denn wenn ein Pferd immer wieder erlebt: „Mein Mensch hört mir normalerweise zu.“ Dann akzeptiert es auch Situationen, in denen das einmal nicht möglich ist. Nicht, weil es aufgegeben hat. Sondern weil Vertrauen entstanden ist.

Pferde sehen manchmal mehr als wir

Eine weitere Erfahrung hat mich daran erinnert, wie fein Pferde ihre Umwelt wahrnehmen. Vor einigen Jahren wurde bei uns ein neues Pferd longiert. Es wirkte ruhig. Unauffällig. Eigentlich völlig problemlos. Ich war gleichzeitig mit meinem Wallach in der Halle unterwegs. Als wir an diesem Pferd vorbeiritten, legte mein Wallach plötzlich die Ohren an und schnappte nach ihm. Das passte überhaupt nicht zu seinem Charakter. Eigentlich wollte ich ihn bereits zurechtweisen, habe es aber aus einem Bauchgefühl heraus nicht gemacht. Einige Tage später verstand ich, warum er so reagiert hatte.

Diesmal ritt ich mit einer eher schüchternen Stute in derselben Halle. Das neue Pferd versuchte sofort, sie massiv zu bedrängen. Später stellte sich heraus, dass dieses Pferd kaum sozialisiert war und regelmäßig schwächere Pferde attackierte. Mein Wallach hatte das bereits beim ersten Zusammentreffen erkannt. Ich nicht.

Seit diesem Tag frage ich mich in vielen Situationen zuerst: Was sieht mein Pferd gerade, das ich vielleicht noch gar nicht wahrgenommen habe?

Respekt beginnt mit Zuhören

Vielleicht beginnt Respekt genau dort. Nicht damit, dass unser Pferd uns gehorcht. Sondern damit, dass wir bereit sind,

  • seine Wahrnehmung ernst zu nehmen,
  • seine Bedürfnisse zu sehen,
  • seine Gefühle zu respektieren
  • und seine Reaktionen verstehen zu wollen.

Denn manchmal reagiert ein Pferd nicht, weil es schwierig ist. Sondern weil es etwas wahrnimmt, das wir selbst noch gar nicht erkannt haben.

Drei Fragen für deinen Alltag

Beim nächsten Mal, wenn dein Pferd anders reagiert, als du es erwartet hast, frage dich:

  • Welche Bedürfnisse zeigt mir mein Pferd gerade?
  • Reagiert es vielleicht auf etwas, das ich selbst noch nicht wahrgenommen habe?
  • Geht es mir gerade darum, Recht zu behalten – oder gemeinsam eine gute Lösung zu finden?

Vielleicht nimmst du diesen Gedanken mit

Respekt ist keine Einbahnstraße. Wir wünschen uns Pferde, die uns zuhören. Die uns vertrauen. Die auf unsere Signale eingehen. Vielleicht dürfen wir genau das zuerst vorleben. Denn Pferde lernen nicht nur durch das, was wir von ihnen verlangen. Sie lernen vor allem durch die Art, wie wir ihnen begegnen. Und vielleicht entsteht genau dort Vertrauen und Feine Verbindung.


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Dieser Blog basiert auf meiner Podcastfolge:

Feine Verbindung – Repekt ist keine Einbahnstraße

Den Podcast kannst du auf meiner Webseite hier anhören, oder auf:

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