Das selbe Verhalten und trotzdem eine andere Botschaft
Mein Pferd macht schon wieder dasselbe? Warum gleiches Verhalten nicht dieselbe Ursache haben muss.
„Siehst du? Schon wieder macht mein Pferd genau das Gleiche.“ Diesen Satz höre ich in meiner Arbeit mit Pferden immer wieder. Und fast immer folgt direkt der nächste Gedanke: „Es hat nichts gelernt.“ Ich glaube jedoch, dass wir Menschen hier oft einen entscheidenden Denkfehler machen. Denn nur weil ein Verhalten gleich aussieht, bedeutet das noch lange nicht, dass auch die Ursache dieselbe ist.
Genau das hat mir eines meiner eigenen Fohlen auf sehr eindrucksvolle Weise gezeigt.
Dasselbe Verhalten – zwei völlig unterschiedliche Botschaften
Mein Stutfohlen kam mit sechs Monaten zu mir. Von ihrer Mutter getrennt. Die vertraute Herde war weg. Neue Umgebung. Neue Pferde. Und ich – ein völlig fremder Mensch. Wenn ich heute daran zurückdenke, glaube ich, dass sie innerlich einfach nur überfordert war. Sie ließ niemanden an sich heran. Zweimal schnappte sie nach mir. Nicht richtig gebissen. Aber deutlich genug. Damals fragte ich mich ehrlich: „Ob ich zu diesem Fohlen jemals einen Zugang finden werde?“
Einige Wochen später passierte etwas, das meinen Blick auf Pferde noch einmal verändert hat. Wir standen gemeinsam auf der Weide. Ein anderes Fohlen kam neugierig zu mir. Und plötzlich zwickte mich meine kleine Stute wieder. Im ersten Moment dachte ich: „Schon wieder dasselbe.“ Doch diesmal war alles anders. Sie wollte mich gar nicht wegschicken. Sie wollte, dass ich bei ihr bleibe. Das Verhalten war identisch. Die Botschaft dahinter vollkommen unterschiedlich.
Beim ersten Mal sagte sie: „Lass mich in Ruhe.“
Beim zweiten Mal: „Bitte geh nicht.“
Einmal entstand das Verhalten aus Unsicherheit. Das andere Mal aus Vertrauen und auch etwas Eifersucht.
Verhalten erzählt nie die ganze Geschichte
Genau deshalb tue ich mir mit schnellen Erklärungen so schwer. Ich höre oft Aussagen wie:
- „Mein Pferd ist dominant.“
- „Es testet mich.“
- „Es ist respektlos.“
Doch all diese Aussagen haben eines gemeinsam: Sie beobachten ein Verhalten – und glauben gleichzeitig, die Ursache zu kennen. Dabei sehen wir meist nur die Oberfläche. Nicht das, was darunterliegt. Deshalb interessiert mich immer zuerst eine andere Frage: Warum?
Wenn ein Pferd stehen bleibt, frage ich mich nicht sofort: „Wie bekomme ich es weiter?“
Sondern: „Warum bleibt es gerade jetzt stehen?“
Wenn ein Pferd drängelt, frage ich mich: „Was versucht es mir gerade mitzuteilen?“ Und wenn ein Pferd schnappt, interessiert mich zuerst: „Was steckt diesmal dahinter?“
Denn dieselbe Handlung kann völlig unterschiedliche Bedeutungen haben.
Vertrauen entsteht oft ganz leise
Das Spannende an meiner kleinen Stute war: Zwischen diesen beiden Situationen lag kein besonderes Training. Keine neue Methode. Keine spezielle Übung. Kein Kurs. Es war einfach Alltag. Ich fütterte sie. Mistete aus. Brachte sie auf die Weide. Stand ruhig bei der Herde. Sie beobachtete, wie ich mit den anderen Pferden umging. Immer wieder war ich einfach da. Berechenbar. Ruhig. Verlässlich. Ohne etwas von ihr zu verlangen.
Und genau dadurch entstand langsam Vertrauen. Nicht spektakulär. Nicht von heute auf morgen. Sondern in vielen kleinen Momenten. Deshalb glaube ich nicht, dass Vertrauen trainiert wird. Ich glaube, Vertrauen entsteht. Im Alltag. In unserer Verlässlichkeit. In der Art, wie wir reagieren. Und irgendwann verändert sich entweder das Verhalten selbst – oder seine Bedeutung.
Unser Gehirn liebt schnelle Erklärungen
Vielleicht kennst du das auch von dir selbst. Dein Pferd erschrickt an einer bestimmten Stelle. Es bleibt beim Verladen stehen. Oder es drängelt beim Führen. Unser Gehirn speichert solche Situationen sofort ab. Beim nächsten Mal passiert etwas Ähnliches. Und automatisch denkt unser Kopf: „Schon wieder dieselbe Geschichte.“ Das ist völlig normal. Unser Gehirn sucht ständig nach Mustern. Es möchte Situationen möglichst schnell einordnen. Das spart Energie. Doch genau hier liegt auch die Gefahr. Wir verwechseln das Verhalten mit seiner Ursache. Und hören auf, wirklich hinzusehen.
Pferde reagieren auf den Moment
Menschen denken oft an vergangene Erfahrungen. Pferde reagieren dagegen auf das, was sie jetzt erleben. Sie sammeln neue Erfahrungen. Sie gewinnen Vertrauen. Oder verlieren es. Sie entwickeln sich ständig weiter. Deshalb kann dasselbe Verhalten heute eine völlig andere Bedeutung haben als noch vor einigen Wochen. Nicht das Verhalten ist entscheidend. Sondern die Geschichte dahinter.
Drei Fragen, die deinen Blick verändern können
Wenn dein Pferd das nächste Mal etwas tut, das dir bekannt vorkommt, frage dich:
- Was könnte mein Pferd mir mit diesem Verhalten heute sagen?
- Hat sich unsere Beziehung verändert, seit dieses Verhalten das letzte Mal aufgetreten ist?
- Reagiere ich gerade auf das Verhalten – oder versuche ich, seine Ursache zu verstehen?
Allein diese Fragen verändern oft den Blick auf dein Pferd.
Vielleicht nimmst du diesen Gedanken mit
Vielleicht ist Verhalten gar nicht die eigentliche Botschaft. Vielleicht ist Verhalten nur die Sprache. Die eigentliche Botschaft liegt darunter. Deshalb geht es nicht zuerst darum, was dein Pferd tut. Sondern darum, warum es es gerade heute tut.
Denn genau dort beginnt echtes Verstehen. Und genau dort entsteht Feine Verbindung.
Dieser Blog basiert auf meiner Podcastfolge:
Feine Verbindung – Das gleiche Verhalten aber eine andere Botschaft
Den Podcast kannst du auf meiner Webseite hier anhören, oder auf:
Youtube: Feine Verbindung – Das gleiche Verhalten aber eine andere Botschaft
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Seit über 30 Jahren begleite ich Pferde und Menschen auf ihrem gemeinsamen Weg. Dabei zeigt sich immer wieder:
Die größten Veränderungen entstehen oft nicht durch mehr Druck, sondern durch mehr Verständnis.

