Was muss ein Fohlen als Erstes lernen?
Wenn Menschen mich fragen: „Was muss ein Fohlen eigentlich als Erstes lernen?“ dann denken die meisten sofort an ganz praktische Dinge. Halftertraining. Hufe geben. Führen. Putzen. Natürlich sind all diese Dinge wichtig. Aber sie sind für mich nicht das Erste.
Bevor ein Fohlen lernt, was wir von ihm möchten, sollte es etwas viel Wichtigeres lernen:
- Die Welt darf ein sicherer Ort sein.
- Neue Situationen müssen keine Gefahr bedeuten.
- Und der Mensch gibt Orientierung.
Genau dieses Fundament entscheidet oft darüber, wie gelassen, mutig und vertrauensvoll ein Pferd später durchs Leben geht.
Ein Fohlen kennt keine Regeln – nur Neugier
Ein Fohlen wird nicht als „brav“ oder „ungezogen“ geboren. Es kennt weder richtig noch falsch. Keine Regeln. Keine Erwartungen. Kein „Das darf man nicht.“ Was es stattdessen mitbringt, ist etwas viel Wertvolleres: Neugier.
Es möchte seine Welt entdecken. Es probiert aus. Es stellt Fragen. Es macht Fehler. Und genau dadurch lernt es. Deshalb finde ich Aussagen wie „Der macht das mit Absicht.“ oder „Der testet mich.“ so schwierig.
Nein.
Meist kennt das junge Pferd diese Situation einfach noch gar nicht. Es kann nicht wissen, was wir von ihm erwarten.
Fohlen lernen durch Wiederholung – nicht durch Druck
Ein Fohlen lernt nicht schneller, wenn wir lauter werden. Es lernt nicht besser, wenn wir stärker ziehen. Es lernt durch:
- Ruhe
- Konsequenz
- viele kleine Wiederholungen
Ich beobachte das regelmäßig beim Ausmisten. Manchmal möchte ich einfach, dass mein Fohlen einen Schritt zur Seite geht. Doch statt auszuweichen, stemmt es sich gegen den Druck. Viele würden jetzt sagen: „Jetzt widersetzt es sich.“ oder „Es will nicht.“
Ich sehe das anders. Es versteht schlicht noch nicht, was dieser Druck bedeutet. Wenn ich jetzt mehr Druck mache, bekomme ich meist genau das Gegenteil: Mehr Gegendruck. Denn Druck erzeugt Gegendruck. Deshalb helfe ich meinem Fohlen. Ich zeige ihm den Weg. Ich greife unter den Hals und drehe ihn sanft in meine Richtung. Dabei unterstütze ich mit einem leichten Impuls an Schulter oder Hinterhand in die gewünschte (andere) Richtung. So kann das junge Pferd überhaupt erst verstehen, was ich von ihm möchte.
Mit jeder Wiederholung braucht es meine Hilfe weniger. Nicht, weil ich mehr Druck gemacht habe. Sondern weil Lernen Zeit braucht.
Warum Nachtreiben oft das Gegenteil bewirkt
Früher dachte ich, wie die meisten Menschen: „Wenn ein Pferd irgendwo nicht vorbeigehen möchte, muss einfach jemand von hinten nachtreiben.“ Dann bekam ich meine ersten Fohlen. Und plötzlich sah ich diese Idee mit völlig anderen Augen.
Ein Fohlen, das Angst hat, bekommt durch Druck von hinten nicht mehr Vertrauen. Es bekommt mehr Angst. Es geht vielleicht trotzdem vorbei. Aber nicht, weil es mutiger geworden ist. Sondern weil das, was hinter ihm passiert, gerade unangenehmer geworden ist als das, was vor ihm liegt. Die Angst verschwindet dadurch nicht. Sie wird nur durch mehr Angst überdeckt.
Was wir von einer Pferdeherde lernen können
Wenn wir Pferde auf der Weide beobachten, fällt etwas auf. Kein erwachsenes Pferd schiebt ein Fohlen von hinten an etwas Gruseligem vorbei. Die Herde geht. Die Mutter geht. Und irgendwann folgt das Fohlen. Nicht aus Zwang. Sondern aus Vertrauen.
Als meine Fohlen zu mir kamen, waren sie bereits von ihrer Mutter getrennt. Also musste ich diese Rolle übernehmen. Nicht als Antreiber. Sondern als Orientierung. Ich ging voraus. Ich lud sie ein, mir zu folgen. Und manchmal standen wir einfach eine Weile da. Bis sie selbst bereit waren. Natürlich dauerte das länger. Doch bis heute sind alle meine Fohlen ohne Kampf, ohne Panik und ohne Nachtreiben mit mir an den unterschiedlichsten Dingen vorbeigegangen.
Vertrauen macht junge Pferde mutig
Vielleicht erinnerst du dich an meinen letzten Blog-Artikel über Vertrauen (hier zum Nachlesen). Dort habe ich geschrieben: „Vertrauen macht nicht abhängig. Vertrauen macht selbstständig.“
Genau das beobachte ich bei meinen Jungpferden. Je älter sie werden, desto neugieriger werden sie. Nicht, weil ich sie vor jeder Schwierigkeit beschütze. Sondern weil sie gelernt haben: „Wenn etwas schwierig wird, unterstützt mich mein Mensch.“
Heute reicht oft schon meine Anwesenheit. Taucht etwas Neues auf, schauen sie kurz zu mir. Sie prüfen: „Ist alles in Ordnung?“ Bleibe ich ruhig, gehen sie neugierig weiter. Nicht, weil sie müssen. Sondern weil sie sich selbst zutrauen, die Situation zu bewältigen. Genau so entsteht Selbstvertrauen.
Zeit ist kein Hindernis – Zeit ist Ausbildung
Gerade bei jungen Pferden höre ich oft: „Das dauert aber lange.“ Ja. Und genau das ist richtig. Ein Fohlen kann nicht in derselben Geschwindigkeit lernen wie ein erfahrenes Pferd.
Es braucht:
- Zeit
- Geduld
- Wiederholung
Viele glauben, Zeit verzögere das Training. Ich glaube genau das Gegenteil. Zeit ist Training.
Alles, was ein junges Pferd heute in Ruhe verstehen darf, muss ich später nicht mühsam korrigieren.
Folgende Fragen für deinen Alltag mit einem Fohlen oder Jungpferd
Wenn dein Fohlen oder Jungpferd das nächste Mal etwas nicht so macht, wie du es dir wünschst, frage dich:
- Kennt es diese Situation überhaupt schon?
- Gebe ich ihm gerade die Zeit, die es braucht?
- Gehe ich voran – oder dränge ich von hinten?
- Bin ich ruhig und konsequent – oder werde ich ungeduldig?
Allein diese Fragen verändern oft den Blick auf die Situation.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Vielleicht müssen Fohlen gar nicht zuerst lernen, brav zu sein. Vielleicht müssen sie zuerst lernen, dass sie sich in unserer Nähe sicher fühlen dürfen. Dass wir ihnen die Welt erklären. Dass wir sie nicht überfordern. Dass Fehler zum Lernen dazugehören. Denn Vertrauen ist nicht das Ergebnis guter Ausbildung.
Vertrauen ist die Grundlage guter Ausbildung.
Und alles andere wächst Schritt für Schritt darauf auf.
Genau dort beginnt Feine Verbindung.
Dieser Blog basiert auf meiner Podcastfolge:
Feine Verbindung – Was Fohlen wirklich lernen müssen
Den Podcast kannst du auf meiner Webseite hier anhören, oder auf:
Youtube: Feine Verbindung – Was Fohlen wirklich lernen müssen
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Darin erfährst du, warum Vertrauen die Grundlage jeder Ausbildung ist, wie dein Pferd Sicherheit entwickelt und weshalb die kleinen Momente im Alltag oft wichtiger sind als jede einzelne Übung.
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Seit über 30 Jahren begleite ich Pferde und Menschen auf ihrem gemeinsamen Weg. Dabei zeigt sich immer wieder: Die größten Veränderungen entstehen oft nicht durch mehr Druck, sondern durch mehr Verständnis.

