Hat dein Pferd wirklich zu viel Energie?
Auspowern macht dein Pferd nicht automatisch ruhiger, weil körperliche Müdigkeit und innere Entspannung nicht dasselbe sind. Ein Pferd kann nach dem Training erschöpft und trotzdem angespannt sein. Wenn hinter der scheinbar überschüssigen Energie Anspannung steckt, braucht dein Pferd nicht unbedingt mehr Bewegung, sondern die Möglichkeit, loszulassen und zur Ruhe zu kommen.
Warum macht Auspowern dein Pferd nicht ruhiger?
„Ich muss mein Pferd mindestens zweimal am Tag reiten. Jeweils mindestens eine Stunde. Nur so ist es halbwegs händelbar. Es hat einfach so viel Energie – die muss abgearbeitet werden.“ Diesen Satz sagte einmal eine Pferdebesitzerin zu mir, als sie mir ihr Pferd in Beritt gab. Und zunächst klingt der Gedanke vollkommen logisch. Ein Pferd hat viel Energie. Also braucht es mehr Bewegung. Wenn es anschließend müde ist, müsste es doch automatisch ruhiger werden. Oder?
Genau hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn manchmal hat ein Pferd gar nicht zu viel Energie.
Manchmal hat es zu viel Anspannung.
Und das ist etwas völlig anderes. Das Pferd war permanent auf voller Power. Es war ständig angespannt, immer bereit loszulaufen und immer auf der Suche nach dem nächsten Reiz. Es kam im Kopf nie wirklich an. Die Besitzerin versuchte deshalb, diese scheinbar überschüssige Energie durch noch mehr Bewegung abzubauen. Doch genau darin lag das Problem.
Dieses Pferd brauchte nicht noch mehr Bewegung. Es brauchte die Möglichkeit, überhaupt einmal zur Ruhe zu kommen.
Denn wenn ein Pferd dauerhaft angespannt ist, verschwindet diese Anspannung nicht automatisch dadurch, dass wir es länger oder häufiger bewegen. Im Gegenteil. Wir können ein Pferd körperlich müde machen und trotzdem bleibt die innere Anspannung bestehen.
Ein müdes Pferd ist nicht automatisch entspannt
Vielleicht kennst du dieses Gefühl von dir selbst. Du hattest einen unglaublich stressigen Tag. Du bist erschöpft und möchtest eigentlich nur noch ins Bett. Aber dein Kopf läuft weiter. Du kannst nicht abschalten. Du bist müde. Aber du bist nicht entspannt. Warum sollte es bei unserem Pferd grundsätzlich anders sein? Wir können deshalb nicht einfach sagen: „Wenn ich mein Pferd nur ausreichend auspowere, wird es irgendwann ruhig.“ Körperliche Ermüdung und innere Entspannung sind zwei unterschiedliche Dinge. Ruhe entsteht auch dadurch, dass ein Pferd erfahren kann: Ich muss gerade nichts bewältigen. Ich darf loslassen. Ich bin sicher. Ich kann mich entspannen. Und genau diese Erfahrung fehlte diesem Pferd.
Warum weniger Pferdetraining mehr Ruhe bringen kann
Wir haben deshalb etwas gemacht, das zunächst vielleicht widersprüchlich klingt: Wir haben die Arbeit deutlich reduziert. Statt zweimal täglich mindestens eine Stunde zu reiten, arbeitete das Pferd ungefähr eine halbe Stunde am Tag. Doch nicht nur die Dauer änderte sich.
Vor allem das Ziel des Trainings war ein anderes. Es ging nicht mehr darum, das Pferd möglichst müde zu bekommen. Wir arbeiteten gezielt an:
- Körperwahrnehmung
- Muskulatur
- Balance
- Losgelassenheit
- Entspannung
- sinnvoller Bewegung
Das Ergebnis? Das Pferd wurde deutlich ruhiger und wesentlich besser händelbar. Mit deutlich weniger Arbeitszeit.Und genau darin steckt für mich eine der wichtigsten Erkenntnisse:
Es geht nicht darum, wie viel wir mit unserem Pferd machen. Es geht darum, was unsere Arbeit mit unserem Pferd macht.
Trainierst du dein Pferd oder seine Anspannung?
Ein Pferd kann eine Stunde laufen. Es kann schwitzen. Es kann Energie verbrauchen. Es kann anschließend körperlich erschöpft sein. Und trotzdem kann es während dieser gesamten Stunde angespannt gewesen sein. Dann stellt sich eine wichtige Frage: Was haben wir eigentlich trainiert? Denn wenn ein Pferd eine Bewegung immer wieder in Anspannung ausführt, bedeutet mehr Wiederholung nicht automatisch eine bessere Bewegung. Das gilt auch für den Muskelaufbau.
Warum mehr Training nicht automatisch mehr Muskeln bedeutet
Beim Muskelaufbau denken wir schnell: Mehr Belastung = mehr Muskeln.
Ganz so einfach funktioniert es aber nicht. Der Körper braucht einen sinnvollen Wechsel zwischen Belastung und Regeneration. Und entscheidend ist nicht nur, wie lange das Pferd arbeitet, sondern vor allem, wie es seinen Körper dabei benutzt.
- Kann es sich tragen?
- Kann es seinen Rücken loslassen?
- Kann es seine Muskulatur sinnvoll einsetzen?
- Kann es in der Bewegung lockerer werden?
- Und kann es nach dem Training wieder herunterfahren?
Wenn ein Pferd bereits mit einer hohen Grundspannung in die Arbeit geht und wir diese Spannung durch immer mehr Belastung verstärken, entsteht schnell ein Kreislauf:
Anspannung → mehr Arbeit → körperliche Müdigkeit → Anspannung bleibt bestehen → noch mehr Arbeit.
Genau deshalb frage ich beim Training nicht zuerst: „Wie lange kann ich mein Pferd arbeiten?“
Sondern: „Wie gut kann mein Pferd seinen Körper während dieser Arbeit benutzen?“
Gutes Pferdetraining soll nicht nur müde machen
Ich möchte nicht, dass ein Pferd nach dem Training einfach nur erschöpft ist. Im besten Fall fühlt es sich anschließend: Lockerer und zufriedener.
Es soll lernen, seinen Körper sinnvoll einzusetzen. Es soll sich tragen können. Es soll Kraft entwickeln. Es soll loslassen können. Und es soll diese Kraft nicht aus permanenter Spannung heraus einsetzen müssen. Deshalb gilt für mich gerade beim Muskelaufbau:
Nicht möglichst viel. Sondern passend.
Darin liegt ein entscheidender Unterschied zwischen einem Pferd, das einfach nur gearbeitet wird, und einem Pferd, das durch die Arbeit tatsächlich besser wird.
Mehr Kontrolle macht dein Pferd nicht automatisch sicherer
Wir Menschen möchten verständlicherweise ein Pferd, das ruhig ist. Das sich führen lässt. Das nicht davonläuft. Das nicht ständig erschrickt. Das im Alltag händelbar ist. Wenn das nicht funktioniert, versuchen wir häufig, das sichtbare Verhalten stärker zu kontrollieren: Mehr Bewegung. Mehr Training. Mehr Druck. Mehr Konsequenz.
Doch vielleicht sollten wir vorher eine andere Frage stellen:
Warum zeigt mein Pferd dieses Verhalten überhaupt?
Denn wenn wir ausschließlich auf das Verhalten schauen, können wir leicht übersehen, was dahinterliegt. Ein Pferd, das scheinbar „zu viel Energie“ hat, kann tatsächlich sehr energiegeladen sein. Es kann aber genauso gut ein Pferd sein, das ständig angespannt ist.
Und diese beiden Pferde brauchen nicht dasselbe.
Vertrauen kann man nicht erzwingen
Natürlich bedeutet das alles nicht, dass dein Pferd keine Bewegung braucht. Bewegung ist wichtig. Training ist wichtig. Muskelaufbau ist wichtig. Aber die entscheidende Frage lautet:
Was möchtest du mit dieser Arbeit erreichen?
Möchtest du dein Pferd nur müde bekommen? Oder möchtest du ihm helfen, mit seiner Energie umzugehen? Möchtest du, dass es nach der Arbeit erschöpft ist? Oder möchtest du, dass es sich danach besser fühlt als vorher? Für mich liegt genau hier ein wesentlicher Unterschied. Ein Pferd, das Vertrauen entwickelt, muss nicht ständig kontrolliert werden. Ein Pferd, das gelernt hat, sich zu entspannen, muss nicht ständig müde gemacht werden. Und ein Pferd, das gelernt hat, seinen Körper sinnvoll einzusetzen, braucht nicht automatisch immer längere Trainingseinheiten.
Auch Ruhe will gelernt sein
Ein Pferd muss nicht nur lernen, sich zu bewegen. Es muss auch lernen, zur Ruhe zu kommen. Gerade bei einem Pferd, das ständig angespannt ist, können kleine Momente der Ruhe deshalb unglaublich wertvoll sein. Nicht jede Situation muss sofort gelöst werden. Nicht jede Spannung muss durch Bewegung verschwinden. Manchmal ist die wichtigste Erfahrung: Es passiert gerade nichts. Und das ist in Ordnung.
Genau das sehe ich auch bei jungen Pferden. Sie müssen nicht jede mögliche Situation vorher trainiert haben. Viel wichtiger ist, dass sie im Alltag immer wieder erleben können: Neue Dinge sind nicht automatisch gefährlich. Mein Mensch bleibt ruhig. Ich darf schauen. Ich darf mich orientieren. Und ich kann anschließend wieder entspannen. Aus vielen kleinen Erfahrungen kann so mit der Zeit etwas Großes entstehen:
Gelassenheit.
Woran erkennst du Anspannung statt zu viel Energie?
Wenn du das Gefühl hast, dein Pferd habe ständig zu viel Energie, würde ich deshalb nicht als Erstes fragen: „Wie bekomme ich diese Energie weg?“ Schau zunächst genauer hin. Wie fühlt sich dein Pferd vor der Arbeit an? Kann es sich konzentrieren oder sucht es ständig nach dem nächsten Reiz? Wie fühlt sich seine Muskulatur an? Kann es während der Arbeit loslassen? Wird seine Bewegung mit der Zeit weicher und besser? Kann es nach dem Training wieder herunterfahren? Oder ist es zwar körperlich müde, aber im Kopf immer noch genauso aufgeregt wie vorher? Das sind für mich viel spannendere Fragen als die reine Trainingsdauer.
Arbeitest du viel oder trainierst du passend?
Vielleicht ist das die wichtigste Frage überhaupt:
Arbeite ich gerade viel mit meinem Pferd – oder arbeite ich wirklich richtig mit ihm?
Denn mehr ist nicht automatisch besser. Manchmal müssen wir nicht noch eine Runde mehr reiten. Nicht noch länger longieren. Nicht noch mehr beschäftigen. Sondern genauer wahrnehmen, was unser Pferd uns gerade zeigt.
Dein Pferd muss nicht einfach nur funktionieren
Ein Gedanke zieht sich durch viele meiner Geschichten: Ich glaube nicht, dass Pferde einfach „Problempferde“ sind. Sie zeigen uns etwas. Wir müssen nur lernen, genauer hinzusehen.
Vielleicht zeigt dir dein Pferd mit seiner scheinbar unerschöpflichen Energie nicht: „Ich brauche mehr Bewegung.“ Vielleicht sagt es: „Ich kann gerade nicht abschalten.“
Vielleicht sagt es nicht: „Mach mich müde.“ Sondern: „Hilf mir, wieder zur Ruhe zu finden.“
Und vielleicht liegt genau darin unsere Aufgabe. Nicht die Energie des Pferdes zu brechen. Nicht es so müde zu machen, dass es keine andere Möglichkeit mehr hat, als ruhig zu sein. Sondern ihm zu helfen, selbst wieder Ruhe zu finden.
Fragen für dein nächstes Training
Wenn du beim nächsten Mal denkst:
„Mein Pferd hat einfach zu viel Energie.“
Dann frag dich:
- Ist mein Pferd wirklich energiegeladen oder eigentlich angespannt?
- Wird es durch unsere Arbeit ruhiger oder nur müder?
- Kann es während der Arbeit loslassen?
- Kann es nach dem Training wieder herunterfahren?
- Arbeite ich gerade sinnvoll an Körper und Kopf oder versuche ich nur, Verhalten zu kontrollieren?
- Bekommt mein Pferd genügend Regeneration?
- Was versucht mir mein Pferd mit seinem Verhalten zu sagen?
Denn ein ruhiges Pferd entsteht nicht unbedingt dadurch, dass wir immer mehr mit ihm machen. Manchmal entsteht Ruhe genau dann, wenn wir aufhören, immer mehr zu tun. Wenn wir anfangen wahrzunehmen. Wenn wir zuhören. Wenn wir verstehen, was hinter dem Verhalten steckt. Und wenn wir unserem Pferd nicht nur beibringen, zu funktionieren, sondern ihm dabei helfen, sich in seinem Körper und in unserer gemeinsamen Arbeit wohlzufühlen.
Nicht möglichst viel. Sondern genau das, was euch beide weiterbringt.
Denn daraus entsteht eine feine Verbindung.
Kurz zusammengefasst
- Ein körperlich müdes Pferd ist nicht automatisch ein entspanntes Pferd, weil Müdigkeit und innere Ruhe zwei unterschiedliche Dinge sind.
- Scheinbar überschüssige Energie kann auch Anspannung sein und deshalb etwas anderes brauchen als noch mehr Bewegung.
- Beim Training ist nicht nur entscheidend, wie lange dein Pferd arbeitet, sondern wie es seinen Körper dabei benutzt und ob es loslassen kann.
- Gutes Training soll dein Pferd nicht einfach erschöpfen, sondern ihm helfen, seinen Körper sinnvoll einzusetzen und wieder herunterzufahren.
- Wenn dein Pferd ständig auf voller Power ist, lohnt es sich deshalb, genauer hinzuschauen, bevor du einfach die Trainingsdauer erhöhst.
Häufige Fragen
Wird mein Pferd ruhiger, wenn ich es mehr auspowere?
Nicht automatisch. Du kannst dein Pferd körperlich müde machen, während seine innere Anspannung trotzdem bestehen bleibt. Körperliche Ermüdung und Entspannung sind zwei unterschiedliche Dinge. Wenn dein Pferd dauerhaft angespannt ist, braucht es deshalb möglicherweise nicht einfach mehr Bewegung, sondern die Möglichkeit, loszulassen, sich sicher zu fühlen und wieder zur Ruhe zu kommen.
Hat mein Pferd zu viel Energie oder ist es angespannt?
Schau nicht nur darauf, wie viel dein Pferd sich bewegen möchte. Beobachte auch, ob es sich konzentrieren kann, ständig nach dem nächsten Reiz sucht, während der Arbeit loslassen kann und danach wieder herunterfährt. Ist dein Pferd körperlich müde, aber im Kopf weiterhin genauso aufgeregt, kann hinter der vermeintlichen Energie auch Anspannung stecken.
Wie erkenne ich, ob mein Training meinem Pferd guttut?
Entscheidend ist nicht nur, wie lange dein Pferd arbeitet. Beobachte, wie es seinen Körper während der Arbeit benutzt. Kann es sich tragen, seinen Rücken loslassen, seine Muskulatur sinnvoll einsetzen und in der Bewegung lockerer werden? Im besten Fall ist dein Pferd nach dem Training nicht einfach nur erschöpft, sondern besser organisiert, lockerer und zufriedener.
Braucht ein angespanntes Pferd weniger Training?
Nicht jedes angespannte Pferd braucht automatisch weniger Training. In dem beschriebenen Beispiel wurde die Arbeit deutlich reduziert und gleichzeitig das Ziel verändert. Statt das Pferd möglichst müde zu machen, wurde an Körperwahrnehmung, Muskulatur, Balance, Losgelassenheit, Entspannung und sinnvoller Bewegung gearbeitet. Entscheidend ist deshalb nicht nur die Trainingsdauer, sondern was die Arbeit mit dem Pferd macht.
Warum ist Ruhe für mein Pferd wichtig?
Ein Pferd muss nicht nur lernen, sich zu bewegen, sondern auch zur Ruhe zu kommen. Gerade bei einem ständig angespannten Pferd können Momente wichtig sein, in denen es nichts bewältigen muss. Es darf schauen, sich orientieren und anschließend wieder entspannen. Aus vielen solchen Erfahrungen kann mit der Zeit Gelassenheit entstehen.
Dieser Blog basiert auf meiner Podcastfolge:
Feine Verbindung – Dein Pferd hat zu viel Energie?
Den Podcast kannst du auf meiner Webseite hier anhören, oder auf:
Youtube: Feine Verbindung – Dein Pferd hat zu viel Energei?
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Seit über 30 Jahren begleite ich Pferde und Menschen auf ihrem gemeinsamen Weg. Dabei zeigt sich immer wieder:
Die größten Veränderungen entstehen oft nicht durch mehr Druck, sondern durch mehr Verständnis.
Über die Autorin
Sabine (vom Reitsportzentrum Pünstein) begleitet seit über 30 Jahren Pferde und ihre Menschen. Sie ist Pferdetrainerin mit internationalem Trainerpass Level 2, diplomierte Mentaltrainerin und zertifizierte Resilienztrainerin. Im Reitsportzentrum Pürnstein in Neufelden (Oberösterreich) arbeitet sie nach dem von ihr entwickelten KWVZ-Prinzip: Klare Kommunikation, Wahrnehmung, Verbindung, Zeitgefühl. Sie versteht sich als Übersetzerin zwischen Mensch und Pferd und arbeitet an den Ursachen von Verhalten statt an den Symptomen.
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